Tatort Schlachtensee

von Herr Schwaner am 24.05.2010

Spätestens seit Michael Mittersmaiers detailierter Ausmalung des Begriffs “Arschkind” dürfte jener Begriff kein sprachliches Neuland mehr sein. Die meisten Eltern jedoch schweigen still über sich hinweg, weil es ihnen der Anstand gebietet, zumindest jenen Begriff nicht öffentlich, mehr im stillen Kämmerlein zu verwenden.

Ich war lange auf der Suche nach dem nicht nur sprichwörtlichen Arschkind, nach dem tatsächlichen. Ich habe dabei oft Kinder gefunden, die schlechtes Benehmen an den Tag legten, die rotzig oder frech waren, aber halt dennoch Kinder waren, die reuefähig waren, sich entschuldigen konnten und ihren Fehler einsahen und man lächelnd darüber hinwegsehen konnte. Gestern aber traf ich auf ein Kind, das diesem Begriff wirklich alle Ehre machte und die Mutter wie die Faust aufs Auge zu diesem Bürschchen, pardon, zu diesem Arschkind — ja, ich sage es — Arschkind passte.

Es begann mit einem Ausflug mit Freunden und deren und unseren Kindern an den idyllisch im Grunewald gelegenen Schlachtensee im fernen südwestlichen Berlin - Zehlendorf, einem Bezirk, in dem das Geld seit vielen Generationen zu Hause ist. Seit Eröffnung eines Etepetete-Biergartens aber, hat sich der Schlachtensee an Feiertagen zu einem Catwalk für all die bescheuerten Neureichen dieser Stadt aufgetakelt, und da ja neureich oftmals heißt, Menschen mit oft fragwürdig intellektuellen und moralischen Charakter einen ungeheuren Haufen von Geld in ihren dauergeilen Schoss zu werfen, auf dass sie ihre Statussymbole wie goldene Lämmer vor sich hertragen können, ist die Stimmung für all jene, die lediglich den 7km langen Rundweg um den See nutzen wollen, aber leider durch den Biergarten laufen müssen, schwerlich anders als abartig zu beschreiben. Vor allen Dingen, wenn die eigenen Kinder, auf den angeschlossenen Spielplatz wollen, auf dem sich Kinder in Ralph-Lauren-Gummistiefeln und True Religion-Jeans eifrig an Reckstangen drehen.

Und fühlten wir uns nicht schon unwohl genug in diesem Hort des Wahnsinns, dauerte es nicht lange und unsere zwei- bis vierjährigen Kinder gerieten in einen Streit mit zwei sieben Jährigen, die nichts besseres zu tun hatten, als zur Umsetzung ihres Machtanspruches, einem unser Kinder an die Kehle zu fassen und ihn in eine Holzhütte zu drücken, während ihm sein Kumpan ein Schnitzmesserchen zeigte und quasi visualisierte, wie Kehle und Messer miteinander harmonieren würden. Da schritt dann unsere Freundin als Mutter des Bedrängten ein und stellte jenen Knaben zur Rede und als er der Meinung war, die ihn ansprechende Mutter mit Ausdrücken zu belegen und sich ganz toll dabei vorzukommen, sprang ich ihr bei und rief den Knaben harrsch an, zumal auch Paul zu den Bedrohten gehörte.

“Junger Mann“, ermahnte ich ihn recht laut an, damit es auch ja alle Eltern hören konnten, die dort Zeugen dieser Auseinandersetzung waren, “es reicht jetzt, nicht wahr? Du benimmst Dich jetzt mal! Du nimmst jetzt Dein Messer und dann verlässt du bitte den Spielplatz!”

Daraufhin guckte er nur kurz erschrocken hoch, um dann wutentbrannt auf mich loszurennen und mich zu beschimpfen, was ich für ein dummes Arschloch wäre, ein Blödmann, ein Fettkloß und er würde machen, was er wolle und er würde es jetzt seinem Vater sagen gehen. Und weil er das alles schrie, während er an mir vorbeirannte, standen alle Münder auf diesem Spielplatz offen. Nicht genug, dass es alle gehört hatten, was er auf dem Spielplatz sagte, auch seine Eltern, die ein paar Tische vom Spielplatz entfernt saßen, schwallte er so laut zu, dass auch das ganze Restaurant hören durfte, was diese Familie doch für einen wohlerzogenen Sohn hatte, der immer wieder mit dem Finger auf mich, dann wieder auf unsere Freundin zeigte und Ausdrücke in den Mund nahm, für die unsere Kinder gewaltigen Ärger bekommen würden.

War ja klar, dass die Mutter, die sich daraufhin erhob, ihren ach-so-wohlerzogenen Filius nicht in die Schranken wies, sondern ihm den Rücken stärkte, in dem sie sich, der Königin von Saba gleich, erhob und mit ihrer Dunstglocke aus Eau de Monet und süßlichem Edelstöffchen herüberstolzierte, uns mit mitleidvollem Blick anlächelte und grüßte, um dann zu erfahren, was denn hier wohl passiert wäre.

Wir schilderten, was passiert war. Dass wir es nicht schätzten, wenn unsere Kinder mit einem Messer bedroht würden. Da schrie der Knabe mich an, dass das gar nicht wahr sei, er hätte sein Messer nicht einmal ausgepackt und er die Kinder gar nicht bedroht hätte. Unsere Freundin sah ihn dabei scharf an und sagte zu ihm, dass er nicht so unverschämt lügen solle und dass er ganz schön vorlaut und frech gegenüber Erwachsenen wäre, da zischte die Mutter, die mit all ihrem Geschmeide und elegantem Auftreten das laute Windheulen im Oberstübchen zu übertünchen versuchte, harrsch dazwischen:

“Das brauchen wir jetzt hier nicht. Mein Sohn ist nicht vorlaut und auch nicht frech! Er ist sehr wohlerzogen!”

Und weil ich nicht sicher war, ob ich mich verhört hatte, sagte ich ihr erstaunt auf den vermeintlichen Kopf zu:

“Nicht frech? Nicht ungezogen? Soll ich Ihnen die Ausdrücke noch einmal aufzählen, die er zu mir gesagt hat?”
“Nein, nein, aber mein Sohn ist nicht vorlaut. So würde er sich nicht benehmen und das wollen wir auch gar nicht haben. Das tut mir leid.”

Da blökte der liebreizende Knabe, wir hätten ja auch Ausdrücke gesagt.

“Was habe ich denn zu Dir gesagt?” fragte unsere Freundin.
“Hm”, stotterte er, weil ihm nichts einfiel - schließlich hatten wir keinen einzigen Ausdruck verwendet, dann sog er sich aus den Fingern: “Du hast Blödmann zu mir gesagt!”
Unsere Freundin guckte uns ob des eiskalten Lügens des Früchtchens an.
“Das habe ich ganz bestimmt nicht zu Dir gesagt!”

“Es ist ganz traurig, was hier passiert ist, und wir wollen das auch gar nicht und deswegen bitte ich sie, meine Entschuldigung anzunehmen”, heuchelte die Mutter noch einmal daraufhin und weil ich angefressen und die Galle hochgekocht über sie hinwegsah, sprach sie mich direkt an.

“Ich spreche mit Ihnen, schauen Sie mir bitte in die Augen”, zickte sie mich an und deutete mit ihren Fingern auf ihre Augen, “nehmen Sie bitte meine Entschuldigung an. Es tut mir leid, dass das so gelaufen ist. Wir wollen uns doch nicht streiten, an einem Feiertag. Einem christlichen Feiertag!” Ich schaute sie an und brubbelte nur noch wütend, weil ich gar nicht gedachte, von solch kranken Leuten eine Entschuldigung akzeptieren zu müssen, “Guten Tag!”

Dann wackelte die vergoldete Geschmeidigkeit mit ihrem herzallerliebsten Söhnchen, der uns auch noch mit seiner verdorbenen Fresse alle breit angrinste, davon. Er, der siebenjährige Verursacher jenes Streits, musste sich nicht einmal ansatzweise entschuldigen, seine bescheuerte Mutter hatte ihm diese Kohlen aus dem Feuer geholt. Wir standen alle nur vollkommen sprachlos daneben. Hätten unsere Kinder auch nur ansatzweise ein solches Verhalten gezeigt, so waren wir uns alle im Tenor sicher, dann hätten sie dafür die bitteren Konsequenzen tragen müssen. Ein solches Verhalten, sowohl von den Eltern als auch von diesem Kind, schockierte uns sehr.

Oder wie sagte einer unser Freunde kopfschüttelnd: “Das Kind ist ein Arschloch, das ist vollkommen verzogen. Aus dem wird nichts mehr gescheites. Höchstens mal Banker. Alles schon zu spät. Braucht man sich nur die Eltern anzugucken.”

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Autor:
Herr Schwaner

erstellt am:
24. Mai 2010 10:16

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7 Kommentare


[...] Wenn einer eine Reise tut… » [...]

Mirea says:

*klugscheißmodus* ArschLOCHkind, sagt Herr Mittermaier ;)

KatjaW says:

Wunderbar formuliert, liest sich vortrefflich und ich kann mir genauestens ausmalen, wie dieses Zusammentreffen gelaufen ist. Schauerlich. Da möchte man dem Arschlochkind doch am liebsten das Messer aus der Hand reißen und ‘wie-du-mir-so-ich-dir’ spielen…auch wenn’s natürlich pädagogisch völlig wertlos sein mag.
Unglaublich. Diese Mutter - einfach unglaublich.

Kassiopeia says:

Ich bin einfach nur total betroffen und schockiert… Kann es wirklich nicht glauben… Genau genommen, mag ich es nicht glauben, weil es so schrecklich ist!

lena says:

uff. sage ich als angehende pädagogin. da bleibt mir die spucke weg! da gilt es ja nicht nur sich um die kinder zu bemühen… uff.

Virginia says:

ja, shit, I hate AKs! Und sorry für eure kinder, die das miterleben mußten. Es macht einen manchmal komplett wütend, seinen eigenen Kindern immer mitzugeben, nicht zu hauen, treten, was auch immer, zu fragen, wenn man sich etwas nimmt, danke und bitte zu sagen oder sich zu entschuldigen. Und dann sieht es, daß es manchmal mit diesen instrumenten total hilflos ist und diese nicht greifen. Shit.

Ich finde es gut, wie sie eingegriffen haben. Mehr konnten sie nicht tun.

Reddereagle says:

Habe ich oft erfahren und jedesmal will ich nicht das Kind sondern die Eltern verpruegeln.