Die Geschichte vom Matzerath
Es trug sich im Wonnemonat des letzten Jahres zu, als sich Herr und Frau Schwaner die Ehre gaben, weniger leidenschaftlich als denn technokratisch, das monatliche Knospen der Natur urbar zu machen, und mit heißer Nadel und flottem Stich, die eigene Familiengeschichte neu zu schreiben. Nur wenig später fand sich, was für einander vorgesehen, tauschte aus und knotete sich, zog auseinander und trennte sich, vermehrte sich, häufte und kugelte sich, gab sich eine sinngebende Form und klaute fortan, wie von Mutter Natur vorgegeben, Nerv und Nahrung seiner Frau Mama. Nicht zu sagen, ob sich in den Monaten, in denen Vater und Mutter noch verhandelten, wie das Kinde in Bälde nun zu rufen sei, Arme und Finger gemäß der Haltung eines Trommlers, eines Blechtrommlers gar, der seine Welt durch stetes Trommeln erfahrbar machte, wuchsen oder ob ein Organ sich schickte, künftig Glasiges zum Springen zu bringen. Bisher deutete nichts auf Grass’sche Romanfiguren hin, die bewusst zu kurz geraten waren oder auf eben jene epochalen Kämpfe, die biblische Ausmaße angenommen hatten.
Zumal Kästchnersche Horizonte weitaus mehr Räume boten, sich bei der Namenssuche für den jüngsten Spross kreativ zu zeigen. Doch weder ließ sich ein Emil blicken, dessen Portemonaie zu klauen war, noch hupte ein Gustav durch die Vorgeschichte jenes Jungen, der so eifrig strampelte und trampelte, dass seine Mutter so manches Mal erschrocken auffuhr und schimpfte. Denn was dem Emil zum Glück der Auswahl fehlte, ein kräftiger und kurzer Rufname, gereichte dem hupenden Gustav dank seiner eingebildeten erpelschen Arroganz schon längst, um nicht weiter in Betracht gezogen zu werden. Auch schien Pünktchen, für jemand, der sich schickte, in Bälde stolz sein Geschlecht zu recken, wenig geeignet und auch wenn die örtliche Nähe zur Weidendammer Brücke einen Anton für lange Zeit in das Rennen führte, sollte und konnte kein Anton wie einstmals braune und schwarze Schnürsenkel an Opernbesucher verkaufen.
Was also blieb, wenn nicht jenes unwohle Zucken, das schon ganz zu Beginn im Hinterkopf begann und fleißig, erst von der Mutter, dann vom Vater negiert wurde und mit Inbrunst auf jenes unterentwickelte Kerlchen namens Oskar deutete, der auf Blech fleißig trommelte und in seinen Händen Brausepulver einspeichelte. Dann also Oskar, mit Kah und nicht mit Ceh. Weil jedoch die Einsamkeit des Namens angesichts des Dreigespanns seines Bruders nicht hingenommen werden konnte, entschieden sich die Eltern, jenen jüdischen König als Namensvetter zu wählen, der biblisch den Riesen durch seine Steinschleuder erledigte, ohne jedoch zu erzählen, wie ein dreijähriger Junge hinter einem Felsen in der Wüste saß und mit seinem trommelndem Märtyrium, den Riesen in Grund und Boden musizierte. Oskar David — ohne wenn und aber. Wenn es einen dritten Namen gebraucht hätte, wäre vielleicht ein kreidefelsener Friedrich, der auf den vorbeiziehenden Butt in der dunklen Tiefe der Ostsee zwischen Rügen und Mon herabsah, schmerzlos hinzugefügt worden.
Sich sämtlicher Ähnlichkeiten und Vorbildern und somit dem tieferen Sinn ihrer Entscheidung entziehend, aus Selbstschutz heraus, wie Frau Mama gerne hinzufügte, war das Entsetzen über die Analogien zwischen jenen altertümlichen und eigentümlichen Figuren umso größer, als jener Oskar David seinen ungewollten Vorbildern gleich, im neunten Monat bereits das Wachsen verweigerte und auf seine Größe bestand. Wie auch anders hätte es sein sollen? Oskar David, jener, der seine Eltern nun in ihren schweren Konflikt stürzte, sich bei der Wahl des Namens für ihren Sprössling gänzlich vertan zu haben und der sie nun vor Trommeln und Schleudern empfindlich zusammenzucken ließ.
Was hatten sie nur getan, was hatten sie nur beschworen?
Der Originaltext ist bei Herrn Schwaner im Blog erschienen.
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4 Kommentare
köstlich geschrieben :-) wobei ich ja sagen muss, dass emil ganz oben auf meiner liste stand - als wir noch nicht wussten, was wir bekommen werden…
Ganz wunderbar geschrieben, Herr Schwaner.
[...] Anton. Als wir dann erwähnten, dass unser Großer ebenfalls Paul heißt und der Kleine auch fast Anton, nun aber doch ein Oskar geworden ist, mussten sie schmunzeln, denn Oskar wäre für ihren Anton [...]





Schön, wie treffend Sie im ersten Absatz auf den Moment des zu Oskars Entstehung führenden Zusammentreffens eingehen :-)