Lekker ist nicht
Meinen Jüngsten habe ich just ins Bett gebracht. Da klingelt es ausgiebig an der Tür. Frau Rieke nimmt entgegen.
“Ja, Lekker-Strom, wir müssen ins Haus”, fordert einer.
“Warum?” kontert Rieke.
“Weil wir ins Haus müssen.”
– “Warum bitte? Haben Sie Termine?”
“Nein…”
“Dann tut es mir leid”, sagt Frau Rieke, weigert sich zu öffnen und hört nur noch, wie ein anderer die Tür für die Hausierer öffnet.
Frau Rieke ist wütend. Ich habe Brass. Ich lege mein Ohr an die Tür, höre wie die Hausierer Stockwerk für Stockwerk erklimmen und bei den Nachbarn klingeln. Sturmklingeln und klopfen, als wären sie Gerichtsvollzieher. Ich reibe mir die Hände, ich lauere hinter der Tür. Kommt nur, kommt nur. Die Nachbarn unter uns lassen sich nicht einwickeln, nun kommen sie zu uns, rennen dynamisch die Stufen nach oben, nehmen zwei Treppen auf einmal, schon klingeln sie bei uns. Frau Rieke verzieht sich freudig erregt ob meiner bevorstehenden Schelte mit Paul in die Küche.
Ich reiße die Wohnungstür mit energischem Schwung auf. Vor mir starrt mich ein erschrockenes, bubenhaftes Gesicht aus einem weiß gesteiften Hemdkragen mit lila Krawatte an, die mitgeschleifte Kollegin lacht. Noch. Ich fackel nicht lange und als er gerade wagt, anzusetzen, fahre ich ihn an:
“Sagen Sie mal, schämen Sie sich nicht?”, blaffe ich direkt in sein Gesicht, “es ist Mittagsruhe”.
“Oh, ja…”, stammelt er.
“Ich habe hier Kinder, die schlafen”, motze ich weiter.
“Das tut mir leid”, murmelt er kleinlaut, scheint aber noch immer an die Chance zu glauben, mir Strom andrehen zu können. Ich höre es in seiner Stimme. Sie sagt gar nichts mehr und das ewige Dauergrinsen scheint ihr auch in den lila Ausschnitt entrutscht zu sein.
“Was Sie hier machen ist Hausfriedensbruch”, belehre ich ihn, “Sie haben keinerlei Termine mit Mietern hier im Haus, ich habe Ihnen bereits über die Gegensprechanlage gesagt, dass Sie nicht herein dürfen.”
–”Ja? Haben Sie doch gar nicht.”
“Meine Frau hat Sie klipp und klar des Hauses verwiesen!”
–”Es tut mir leid.”
“Sie verlassen jetzt bitte das Haus! Also, bitte!”
“Es tut mir leid.”
“Ja. Auf Wiedersehen!”
Ich haue die Tür energisch zu. Lekker abgefrühstückt, denke ich mir und Frau Rieke stürzt aus der Küche mit einem breiten Grinsen und hebt die Daumen. “Super”, sagt sie und betrachtet das Päarchen in drei Farben Lila durch den Spion.
“Und? Sind sie raufgegangen?”
– “Nee, runter”, sagt Rieke.
Ich feixe in mich hinein. Die Nummer mit dem Hausfriedensbruch zieht jedes Mal. Schließlich kann das Gegenüber nicht wissen, ob das Haus nicht ihrem echauffierten Gegenüber gehört oder ob Hausrecht vorliegt. Im Grunde meines Herzens tun mir diese Hanswürste ja leid, weil sie ihren wahrscheinlich beschissen bezahlten Job erledigen müssen, auf der anderen Seite brauchen diese Schleimscheißer einfach mal eins vor die Brust.
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2 Kommentare
Herrlich!





Richtig so! Hier klingelt es auch alle naselang an der Tür und immer, immer ist es jemand, der für einen wohltätigen Zweck sammelt. Würde ich jedesmal etwas spenden, wären wir bald auch auf Almosen angewiesen…